Interview vom Europacup in London

Interview (Quelle Leichtathletik.de)
Richard Ringer: "Die Zeit ist phänomenal"

Pamela Ruprecht

Als dritter deutscher Läufer nach Dieter Baumann (1997) und André Pollmächer (2007) konnte Richard Ringer (VfB LC Friedrichshafen) am Wochenende den 10.000-Meter-Europacup in London gewinnen. Aber nicht nur das: Mit seiner Siegerzeit von 27:36,52 Minuten stieß der 29-Jährige in eine neue Dimension vor – auf Platz vier der ewigen deutschen Bestenliste. Im Interview spricht er über die beflügelnde Kulisse des Cups und einen möglichen EM-Doppelstart in Berlin.

 

Richard Ringer, dritter deutscher Sieger beim Europacup mit einer extrem starken Zeit. Sie waren von Anfang an in der Spitzengruppe. Mit welcher Einstellung sind Sie in Ihr bisher bestes 10.000-Meter-Rennen gegangen?

Richard Ringer:

Ich habe das Rennen als Generalprobe für die Europameisterschaften gesehen. Ich habe mir gesagt, egal, was passiert, ich gehe jedes Tempo mit, ob schnell oder langsam. Ich wollte agieren wie bei einer EM, wo es um die Platzierung geht. Das war aber ein bisschen verzwickt, weil Tempomacher im Rennen waren. So ist es eigentlich nicht wie in einem normalen Meisterschaftsrennen. Gott sei Dank sind die Tempomacher nicht so schnell angelaufen. Die 5.000 Meter bin ich in 14:01 durchgegangen, damit war ich zufrieden. Bei Kilometer 7, als die Tempomacher rausgegangen sind, fing das Rennen erst richtig an und ist schneller geworden. Ich habe mich gut gefühlt und viereinhalb Runden vor Schluss das Heft in die Hand genommen. Ich habe gleich ordentlich angezogen, so dass ich die Führungsgruppe gesprengt habe. Mir konnte nur noch der Franzose Morad Amdouni folgen.

Es gab kurz vor dem Ende dann nochmal einen Führungswechsel zwischen Ihnen und dem Franzosen Morad Amdoun. Was haben Sie gedacht, als er an die Spitze gegangen ist?

Richard Ringer:

Ich war froh, dass der Franzose eine Runde vor Schluss nochmal die Spitze übernommen hat. So konnte ich mich auf den Schlussspurt konzentrieren, weil es immer leichter ist, auf der Zielgeraden von hinten anzugreifen. Auf den letzten 100 Metern hat er innen aufgemacht. Ich habe mein Bestes gegeben und es hat knapp für den Sieg gereicht. Solche Tage erlebt man selten, wo alles perfekt läuft. Ich wäre am liebsten weitergelaufen.

Es kam eine Top-Zeit heraus. Darauf hatten Sie es aber gar nicht unbedingt abgesehen, sondern wollten ganz vorne mitmischen und um die ersten Plätze kämpfen...

Richard Ringer:

Es waren viele Gegner dabei, die für die EM in Berlin mit den 10.000 Metern planen. Die Top Vier in London waren eher 5.000-Meter-Läufer. Einige haben ihr Debüt gegeben. Deshalb war es ganz lustig, dass wir uns durchgesetzt haben. Das hätte ich mir vorher nicht vorstellen können. Ich kann das noch gar nicht realisieren.

Sie hatten letztes Jahr eine ähnlich gute Form, da hat es aber mit einer Zeit unter 28 Minuten noch nicht geklappt. Was haben Sie diesmal anders gemacht?

Richard Ringer:

Letztes Jahr habe ich mir zu viel Druck gemacht. Als ich gesagt habe, ich gehe auf die 10.000 Meter, stand gleich die WM-Norm von 27:45 Minuten im Raum. Davon war meine Bestzeit ein Stück entfernt. So bin ich die Rennen sehr aggressiv angegangen, weil ich dachte, man muss bei der Hälfte der Strecke auch die Hälfte der Zeit rumhaben. Das war taktisch etwas unklug. Ich bin in Stanford und Leiden von vorne gelaufen, das ging schief. 28:00 war nicht das, was ich mir ausgemalt hatte. Jetzt bin ich deutlich lockerer reingegangen und wollte testen, ob das für mich eine Strecke für Berlin ist. Ich wollte das Rennen einfach auf mich zukommen lassen, das war wahrscheinlich genau das Richtige. Ich habe mich locker gefühlt und war sehr fokussiert und konzentriert, auch von der Körper-Haltung.

Hat die Stimmung im Stadion auch geholfen? Es waren über Teile der Ziel- und Gegengeraden Zelte aufgebaut, die Zuschauer waren direkt an der Bahn...

Richard Ringer:

Die Stimmung war bombastisch, obwohl es nur ein Mini-Stadion ist. Die Zuschauer waren wie bei einem Stadtlauf ganz nah dran. Das Anfeuern hat richtig motiviert. Es gab Feuerfontänen vor dem Ziel, Live-Musik und Live-Bands, das war schon etwas Besonderes. Man konnte in seinen Körper gar nicht reinhören, weil es so laut war. Und das war den ganzen Lauf so. Als ich vor dem Start noch eine Steigerung auf der Bahn gemacht habe, dachte ich, ich flieg ja schon bei der Steigerung. Ich war total locker, da wusste ich schon, das wird ein starkes Rennen. So ein gutes Gefühl hat man nicht oft. Ich muss nochmal schauen, was ich vorher genau im Training gemacht habe. Dann kann ich das vor Berlin wiederholen.

Es sind bislang nur drei deutsche Läufer schneller gewesen als Sie, zuletzt Dieter Baumann, der mit 27:21,53 Minuten auch den deutschen Rekord hält, vor 20 Jahren. Was bedeutet Ihnen das?

Richard Ringer:

Ich habe schon auf eine Bestzeit gehofft, aber mit dieser Zeit habe ich nicht gerechnet, das ist schon phänomenal. So etwas kann man nicht planen, es hat einfach alles zusammengepasst. Das zeigt, dass ich auf den 10.000 Metern jetzt auch an meine Leistungen von den 5.000 Metern angeknüpft habe. Dort habe ich mich mit meinen 13:10,94 Minuten vor drei Jahren auch auf Platz vier der ewigen Bestenliste gesetzt. Jetzt hat es endlich auch auf der längeren Strecke geklappt. Ich bin verletzungsfrei geblieben und kann von dem guten Training der letzten Jahre profitieren. Richtung EM kann ich im Training noch etwas draufpacken. Ich will mir aber jetzt nicht zu viel Druck machen, sondern es einfach auf mich zukommen lassen.

Ist 5.000-Meter-Olympiasieger Dieter Baumann auch ein Vorbild für Sie?

Richard Ringer:

Vor dem Lauf habe ich mir gesagt: Dieter Baumann hat 1997 gewonnen, André Pollmächer 2007. Es wäre also mal wieder Zeit für einen deutschen Sieg. Und ich habe auch an die schnelle Zeit von Arne Gabius gedacht, der vor drei Jahren 27:43,93 gelaufen ist. Mein Gedanke war: Wenn du diese Zeit schaffst, dann hast du in deinem Leben schon sehr viel erreicht. Während ich in London war, ist meine Freundin Nada Pauer parallel in Karlsruhe 1.500 Meter gelaufen. Dieter Baumann hat dort zugeschaut und die beiden haben mir zu meinem Sieg ein Foto von sich geschickt. Dieter hat sich gefreut, dass ich so schnell gelaufen bin. Das war lustig, dass ich dann direkt nach dem Lauf den Dieter auf meinem Handy hatte.

Welche Strecke reizt Sie momentan mehr, die 5.000 oder 10.000 Meter?

Richard Ringer:

Besser als in London ging es nicht. Von daher glaube ich, dass mir die 10.000 Meter schon gut liegen. In der Vorbereitung dachte ich noch, ich bin eher der 5.000-Meter-Läufer. Ich laufe dort konstant unter 13:20 und habe zwei EM-Medaillen gewonnen. Andererseits bin ich in taktischen Rennen nicht der Stärkste im Spurt gegen Läufer, die eher von den 1.500 Metern kommen. Bei den 10.000 Metern gehöre ich dagegen zu den Schnelleren – im Vergleich zu Läufern, die vom Marathon kommen. Ich denke, ich habe auf beiden Strecken meine Stärken und werde jetzt in mich hineinhorchen, wie ich die Belastung der 10.000 Meter verkrafte. Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit eines Doppelstarts bei der EM. Ich will den Ball flachhalten und weiter an meinen Zielen festhalten.

Wie sieht der weitere Saisonplan aus?

Richard Ringer:

Die Regeneration ist erstmal wichtig. Dazu werde ich in dieser Woche ein paar Einheiten mit meiner Freundin machen. Da freut sie sich. Die nächsten Wochen gehe ich zur Geschwindigkeitsentwicklung nochmal auf die 5.000 Meter. Mein nächster Start ist Anfang Juni bei den Paavo-Nurmi-Games in Finnland, wo ich die 1.500 Meter laufe. Am 10. Juni werde ich dann bei der Diamond League in Stockholm über 5.000 Meter antreten. Das wird sicherlich ein schnelles Rennen mit den Besten der Welt. Und am 16. Juni plane ich nochmal einen Start über 5.000 Meter beim Soundtrack Tübingen, um die Doppelbelastung innerhalb von sechs Tagen zu testen. Die EM-Norm bin ich in London schon mit 5 Kilometern in den Beinen auf der zweiten Rennhälfte gelaufen. Von daher bin ich zuversichtlich. Danach gehe ich nochmal ins Trainingslager und mache mir Gedanken über den Aufbau des nächsten Trainingsblocks. Wahrscheinlich werde ich mehr auf Ausdauer setzen und kleine Geschwindigkeitsspritzen setzen.

Sie haben letztes Jahr die Zusammenarbeit mit ihrem langjährigen Trainer Eckhardt Sperlich beendet und coachen sich jetzt in erster Linie selbst, was gut zu funktionieren scheint. Holen Sie sich noch irgendwo Tipps?

Richard Ringer:

Ich wusste immer schon, dass das Konzept und die Einheiten von Eckhardt Sperlich etwas anders sind als das Training der anderen Athleten. Ich habe mir vorgenommen, das Konzept, nach dem ich weiter trainiere, vor der EM nicht mehr groß zu ändern. Ich habe zwar mal mit Clemens Bleistein trainiert und ein Programm von Isabelle Baumann, das Dieter gerne gemacht hat, eingebaut. Aber sonst halte ich mich schon sehr an das Programm, das ich die letzten 14 Jahre kennengelernt habe. Ich fühle mich momentan sehr frei, weil ich mein Training selber gestalten kann und stehe zu 100 Prozent hinter jeder Einheit, die ich mache. Bisher habe ich nur kleine Bausteine umgestellt. Mein bisheriger Trainer hat deshalb natürlich auch noch einen Riesen-Einfluss auf meine Leistung.

Auch beruflich haben Sie für eine optimale EM-Vorbereitung gesorgt, was Ihre Teilzeit-Stelle im Controlling bei Rolls-Royce Power Systems betrifft...

Richard Ringer:

Ich habe meine Stunden reduziert und bin im Endeffekt gerade freigestellt, weil ich mich komplett auf die EM konzentrieren will. Die Stunden arbeite ich nach der EM nach. Ich will mir nicht im Nachhinein sagen, dass ich nicht alles versucht habe. Die Ruhe tut mir im Moment ganz gut. Ich habe die Nachmittage zur Regeneration und hetze nicht vom Training in die Arbeit und von der Arbeit wieder ins Training. Seit März nach der Hallen-WM bin ich bis Berlin jetzt mal Lauf-Profi. Ich bin sehr dankbar, dass die MTU mich hier unterstützt. Meinem Körper tut das sehr gut.