Die EM-Geschichte in drei Akten – DNF/DNS/DQ

Mit diesem Bericht und meiner Analyse der Europameisterschaft von Berlin 2018 möchte ich euch meine ganz persönlichen  Gründe liefern, warum es leider nicht so laufen konnte, wie ich es mir vorgestellt habe.

Vorbereitung bis zur EM in Berlin
Am Sonntag den 22.07. musste ich krankheitsbedingt bereits die DM in Nürnberg absagen, was an sich nur als Vorsichtsmaßnahme geplant war, um  im Hinblick auf die EM nichts zu riskieren.
Das am nächsten Tag aber auf einmal meine rechte Wade streikte, damit konnte ich nicht rechnen und ich entschied zusammen mit meinem Physio aus dem Olympiastützpunkt sofort eine MRT Untersuchung durchzuführen, um Klarheit zu schaffen.
Das Problem bei einer MRT Untersuchung ist aber, dass bei gut austrainierten Athleten meist schwer zu erkennen ist, ob es wirklich diese Verletzung ist, wie diagnostiziert. Die Radiologen und Ärzte bekommen ja Patienten, die sich dann bereits Wochen lang nicht mehr viel bewegt haben und sich schonen bis es zur Untersuchung kommt. Daher ist dann bei diesen Patienten klar, um welche Verletzung es sich handelt. Bei einem Athleten, der aber gerade erst einen Schmerz spürt, ist im Muskel alleine durch das harte, tägliche Training meist schon viel Flüssigkeit zu sehen.
Dies war auch bei mir der Fall, die Muskelfasern waren von oben herab in der Wade gut zu sehen, doch dann war da auf einmal nichts mehr, nur noch weiß.
Erste Diagnose: Muskelbündelriss à eigentlich eine Katastrophe, dieim Normalfall 6 Wochen Pause bedeutet.
Dennoch konnte ich dieses Ergebnis nicht wirklich glauben, da ich trotz der Schmerzen laufen, Rad fahren und schwimmen gehen konnte. Aber Klarerweise musste ich erst einmal die Deutsche Staffel absagen.
Aus diesem Grund habe ich dann entschieden gleich nach Berlin zur Charité zu fliegen, um eine zweite Meinung einzuholen. Jetzt kurz vor der Zielgeraden kam für mich aufgeben nicht in Frage.
Am Freitag den 27.07. wurde ich somit ein zweites Mal untersucht und diese Diagnose befreite mich wieder von meinen Ängsten, nicht bei der EM dabei sein zu können, um doch noch meine Ziele zu erreichen. Es war kein klarer Muskelfaser-, und schon gar kein Muskelbündelriss zu erkennen, allerdings natürlich eine heftige Beanspruchung meiner Muskulatur mit hohem Tonus. Die Diagnose zwang mich dennoch einige Tage Laufpause einzulegen. Alternativ konnte ich alles machen, was nicht weh tat.

Kienbaum: Bereits am Tag der zweiten Diagnose bin ich gleich in das Olympiazentrum nach Kienbaum gereist, um mich optimal betreuen zu lassen, denn die Vorbereitung auf die EM in Berlin war eigentlich in der letzten wichtigen Phase. In Kienbaum waren bereits ein paar Athleten eingezogen und das Ärzte und Physioteam mit toller medizinischer Geräteausstattung auch vor Ort.
Lymphdrainage und Lymphamat sollten die Muskeln lockern, der Laser und die tiefen Wärmebehandlungen die Muskeln aktivieren, Tapes und Kompressionssocken den Muskel stützen.
Das Alternativtraining mit Watt-Bike (Spinning) fahren, Aquajoggen und Schwimmeinheiten haben sich ganz gut angefühlt, mich fit gehalten und die Schmerzen der Wade auch langsam verschwinden lassen.
Am Montag den 30.07., 9 Tage vor dem 10.000m Lauf, startete ich dann den ersten Laufversuch nach einer langen Woche Laufpause. Die ersten 7km waren geschafft, es fühlte sich allerdings schon sehr komisch an und das Laufgefühl war nicht das Alte. Die darauffolgenden Einheiten gingen immer besser und auch zwei Bahneinheiten ließen die Hoffnung aufleben, die EM in Berlin doch noch mit einem guten Ergebnis (für mich wäre das eine Medaille) zu beenden.

Berlin: Am Sonntag  den 05.08. hieß es für mich dann auf nach Berlin ins Mannschaftshotel. Inzwischen war ich mir sicher, dass meine Wade halten wird, wusste aber, dass mein Laufgefühl nicht ganz zurück war. Ich hoffte dennoch, dass ich mich beim Lauf einrollen würde, und das Adrenalin mir helfen würde. Meine guten Hoffnungen, wurden aber nach den ersten Kilometern jäh zunichte gemacht. 

1. Akt Dienstag 07.08. 10.000m Finale EM-Berlin (Richard): Ergebnis DNF
Da ist also der Tag gekommen, auf den ich mich die gesamte Saison vorbereitet habe! 4 Trainingslager (Dullstroom, Monte Gordo, Flagstaff, St. Moritz) und eine optimale Betreuung in Kienbaum waren mehr als ich bisher an Trainingsmaßnahmen mitgenommen habe.
Es hatte sich grundsätzlich auch sehr bezahlt gemacht. Denn mit meiner Zeit von 27:36,52min stand ich als schnellster Läufer an der Startlinie und hatte das Privileg mit einer blauen, anstatt wie alle anderen Läufer, mit einer weißen Startnummer ins Rennen zu gehen.
Trotz der miserablen letzten zwei Wochen, hatte ich meinen Kopf ausgeschalten und einfach darauf gehofft, dass die Laufpause sich irgendwie aus den Beine schütteln ließ.

Die Tage waren brütend heiß, das Stadion gut gefüllt, was nach einer Runde auch bereits mit einem trockenen Mund deutlich spürbar war. Das Tempo wurde von den Spaniern und Türken zu Beginn des Rennes diktiert und mit 2:47min auf dem ersten km auch wirklich flott begonnen. Ich fand aber von Beginn an nicht in mein Rennen, bekam nicht genügend Sauerstoff in meinen Körper und so musste ich bereits nach 5km das erste mal zum Wasser holen auf die Bahn 3 gehen und hoffte, dass mein Körper auf den neuen Reiz reagiert, was allerdings nicht der Fall war. Bei km sechs musste ich dann schon eine Lücke reißen lassen und das Rennen war dort für mich eigentlich schon gelaufen. Ich versuchte noch einmal alles, um wieder Kontakt an die 14-köpfige Gruppe vor mir herzustellen (bei Taktikgeprägten Rennen durchaus möglich), aber nach km sieben musste ich dann schmerzverzehrt mein erstes Rennen in meinem Leben aufgeben. DNF - so etwas stand bei meinen bisherigen 407 Wettkämpfen seit meinem Laufbeginn 1999  noch nie in der Ergebnisliste. Das es gerade hier sein musste, betrübte mich umso mehr.
Die Oberschenkel brannten, die Fußsohle schmerzte von einer offenen Blase, bedingt durch die unbewusste Fehlbelastung die meiner Wade verursachte, und der Oberkörper war nie so aufrecht gewesen wie sonst. Es war nicht mein gewohnter Laufstil, das spürte ich selbst. 
Das einzige was mich wunderte war, dass meine Wade an sich gehalten hatte.
Im Nachhinein kann ich sagen, die 8 Tage Laufpause in der unmittelbaren Vorbereitung auf die 10.000m waren einfach zu viel. Mir fehlten dann auch einfach die Vorbereitungsrennen (DM 5.000m und DM Staffel 3x1000m), um den Körper auf die harten Bedingungen der Hitze und des hohen Tempos einzustellen.
Auch beim Auslaufen und am nächsten Tag  hatte ich zunächst keine Probleme beim Laufen und deshalb entschieden die Bundestrainer und ich es nochmal über die 5.000m zu versuchen. Wir hofften die gelaufenen 7km beim 10er als guten Tempotest für den 5er mitnehmen zu können.

2. Akt Samstag 11.08. 5.000m Finale EM-Berlin (Richard): Ergebnis DNS
Am Donnerstagmorgen kam dann der abgebrochene Wettkampf der 10.000m trotzdem im Körper an. Allerdings ist das nach zwei Tagen meistens der Fall. Ich bereitete mich dann so vor wie ich es normal vor dem Wettkampf immer mache. Zwei Tage vorher laufe ich ein paar 400m Läufe, um wieder in andere Geschwindigkeiten zu kommen. Am gleichen Tag ging ich noch zum Physio, der mich gut für das Rennen vorbereiten sollte, wie ich es immer mache. 
Am Abend dann der erste Schock. Ich spürte wieder ein Stechen in meiner rechten Wade, wie es bereits vor zwei Wochen spürbar war. Danach ging ich erstmal schlafen und hoffte, dass es beim Laufen wieder weggehen würde.
Leider kam kein gutes Gefühl mehr vor dem Wettkampf auf. Bis Samstagmorgen wartete ich mein Befinden ab und musste schweren Herzens dann 10h vor dem Wettkampf endgültig die Segel streichen. Ich konnte einfach nicht wettbewerbsfähig an die Startlinie gehen und war mir zu unsicher, ob die Wade dem starken Druck eines Bahnwettkampfs standhielte oder ich mir noch eine viel gröbere Verletzung zuziehen würde. Die Schmerzen hätte ich vermutlich ausgehalten, aber es war mir zu riskant.

3. Akt Sonntag 12.08. 5.000m Finale EM-Berlin (Nada): Ergebnis DQ
Meine Funktion bei der EM galt es aber nicht nur als Athlet aus zu üben, sondern auch als Trainer war ich sehr gespannt und versuchte mich trotz meines Peches auf die Betreuung zu konzentrieren. Meine Freundin Nada Pauer, die ich seit März 2018 trainiere, hatte  zehn Tage vor dem Rennen  die Einladung von der EAA bekommen. Sie hatte die Quali ja nur um 61 Hundertstel verfehlt (15:40,61), zählte aber dennoch zu den Top 20 Europas, was auch als Teilnahmerqualifikation reicht. 
Das Rennen verlief so wie wir es uns vorgestellt hatten, und hatten uns ungefähr ausgerechnet was uns erwarten würden. Das Rennen war extrem schnell und ging mit einem Championship-Rekord von 14:46 in die Bücher. Mit ihrem vorerst 15. Platz und einer Zeit von 15:54min bei der ersten großen internationalen Meisterschaft waren wir sehr zufrieden. Sie hätte sich mehr trauen können und die vor Ihr laufende Belgierin bei der Tempoarbeit abwechseln können, aber bei so einem tollen Event mit 50.000 Zuschauern und einem extrem hohen Tempo vorne muss man auch als Athlet, der das erste Mal dabei ist, klarkommen.
Nach etwas 10min nach dem Rennen gab es allerdings eine Disqualifizierung zu melden. Nada wurde auf einmal aus den Ergebnissen gestrichen. Da uns unklar war, warum Sie DQ wurde, legten wir mit dem österreichischen Verband Protest ein. Der Grund der DQ war, dass Sie auf den ersten 100m (Äußere Bahn), das letzte Hütchen nach 100m touchiert hatte (rule 163.5 c).
Auf dem Video sieht man klar, dass die vor Ihr laufende Israelin, bereits vor der letzten Abgrenzung nach Innen zieht und sich die Läuferinnen dazwischen dadurch nach innen leiten ließen. Nada dachte also, dass man nun nach innen laufen darf und touchierte deshalb, weil sie die Begrenzung gar nicht mehr sah, das Hütchen. Leider wurde darauf hin auch die Israelin (4. Im Feld) nachträglich noch DQ.
Die Krux bei der ganzen Sache war auch noch, dass der Österreichische Bundestrainer (Günther Weidlingen-selber früher erfolgreicher Athlet) sich sicher war, dass die letzte Markierung viel zu spät gesetzt wurde und es deshalb eigentlich überhaupt nicht zu einer DQ irgendeines Athleten kommen durfte. Das Problem ist leider auch, dass die Athletin oder der Protestgeber nicht mit dem Kampfgericht sprechen darf (bedenklich nach Art. 6 EMRK) und es deshalb auch nicht zu einer rückgängigen Wiederaufnahme in die Ergebnisliste gekommen ist.
Das Ganze passte dann natürlich in unsere Woche und am Ende der Geschichte stand dann leider DNF, DNS und DQ anstatt Europameister und einem gelungenen Auftakt ins Trainergeschäft.

Saisonpause
Durch die anhaltenden Schmerzen entschied ich zusammen mit meinem Physio, die Saison zu beenden. Dennoch freue ich mich bereits an neue Ufer zu stoßen, sobald ich wieder mit der nächsten Saison beginnen kann! Deshalb verabschiede ich mich für die nächsten 4 Wochen nach der EM bis Anfang September in die Pause!